Wie sich die organisierte Jägerschaft selber schadet

Die Jägerschaft proklamiert immer wieder für sich selber, Natur- und Artenschutz hoch zu gewichten und allen Arten gleichermassen Sorge zu tragen. So werden Bär, Wolf und Luchs folglich nicht offiziell bekämpft. Faktisch ist der Dachverband der Schweizer Jäger, JagdSchweiz, aber Teil der Gegnerschaft der einheimischen Grossraubtiere. Anders lassen sich die Forderungen und Verlautbarungen des Verbandes nicht interpretieren. 

 

Dazu muss man sich zuerst die Bestandessituation unseres Grossraubwildes vergegenwärtigen:

Luchs: Die Schweiz beherbergt die einzige zusammenhängende Luchspopulation der Alpen. Optimistisch geschätzt, umfasst dieser Bestand gut 100 adulte Tiere. Nicht in dieser Zahl enthalten sind die Luchse im Jura, welche eine eigene Population bilden. 100 adulte Luchse sind weit unter der Grenze dessen, was die Wissenschaft als langfristig überlebensfähigen Bestand betrachtet. Zwar besiedelt der Luchse manche Gebiete der Nordwestalpen in hohen Dichten, das ändert aber nichts an der Fragilität der Gesamtpopulation.

Wolf: Die rund zwei Dutzend Wölfe der Schweiz sind Teil der Wolfspopulation der West-Alpen. Mit dem Calanda-Rudel gibt es gerade mal eine einzige Fortpflanzungseinheit dieser Art in unserem Land. Die Gesamtpopulation umfasst rund 40 Rudel bzw. 80 adulte Tiere, welche sich fortpflanzen. Auch dies ist weitaus weniger als für das langfristige Überleben notwendig ist, zumal der Austausch mit anderen Populationen, auch mit derjenigen im italienischen Apennin, nur eingeschränkt funktioniert. 

Bär: In der Schweiz lebten in diesem Jahr mickrige ein bis zwei Bären. Diese stammen aus dem Trentino, wo rund 50 angesiedelte Bären leben, darunter etwa die Hälfte im fortpflanzungsfähigen Alter. Von allen drei Arten weist der Bär in den Alpen die mit Abstand gefährdetste Population auf. 

 

Die nüchterne Betrachtung der Populationsstatus der drei Beutegreifer zeigt zwei Dinge in aller Deutlichkeit: Die Populationen sind deutlich zu klein für deren langfristiges Überleben und die räumliche Verbreitung im Alpenraum ist massiv eingeschränkt.

 

Eine weitere Ausbreitung aller drei Arten ist aus Sicht des Artenschutzes deshalb zweifelsfrei eine Notwendigkeit. Manch einer wird sich deshalb vielleicht wundern, weshalb sich ausgerechnet die organisierte Jägerschaft seit Jahren massiv gegen Grossraubtiere wehrt. Es wurde mehrfach der Austritt aus der Berner Konvnetion gefordert, einem wichtigen Artenschutzabkommen. Es werden massiv mehr Abschüsse von Luchsen und Wölfen gefordert, um die Populationen zu regulieren, anstatt sie weiter anwachsen zu lassen. Artenschutz sieht anders aus. 

 

Stossend an diesen Forderungen ist aber nicht nur, dass sich die organisierte Jägerschaft damit über ihr selbst postuliertes Anliegen des Artenschutzes hinweg setzt, sondern dass die Gründe dafür mehr als nur fadenscheinig sind. Es wird eine Gefährdung der Bestände der einheimischen Wildhuftiere wie Rehe und Gämsen vorgeschoben. Dabei zeigen namentlich die Bestandeszahlen des Rehs seit vielen Jahren nur in eine Richtung, auch im Luchs- und Wolfsgebiet: nach oben! Die Gämsbestände sind zwar teilweise rückläufig, aber dieser Trend umfasst den gesamten Alpenraum und es lassen sich keine signifikanten Unterschiede feststellen zwischen den Gebieten mit Grossraubtieren und denen ohne. Es besteht kein Zweifel, dass Wolf und Luchs nicht für den Rückgang der Gämse verantwortlich gemacht werden können. 

 

Die Jägerschaft handelt sich mit diesem Verhalten zwei grosse Probleme ein. Einerseits wird für jede und jeden offensichtlich, was offenbar manch einen Weidgenossen im Kampf gegen Grossraubtiere antreibt: purer Beuteneid. Andererseits macht sich die Jägerschaft damit zum blossen Erfüllungsgehilfen für diejenigen Nutztierhalter, welche nicht willens sind, ihre Herden angemessen zu betreuen und zu schützen. 

 

Für den Ruf der Jägerschaft ist das Verheerend. Die Bekämpfung der einheimischen Beutegreifer ist ein Schuss in den Ofen. 

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Hanspeter Egli (Freitag, 26 Dezember 2014 09:46)

    Es gibt in der freien Tierweilt auch noch zahlreiche andere Arten die in unserer Kulturlandschaft Anspruch haben auf einen angemessenen Schutz ihrer Lebensräume. Den Grossraubtier-Populationen ist mit einem pragmatischen Managementansatz langfristig weit besser gedient, als mit ideologisch geprägten Forderungen eines absoluten Schutzes.

  • #2

    Jäger Jakob (Donnerstag, 26 November 2015 11:33)

    Sehr geehrter Herr Gerke
    Ich war gestern Abend 25.11. 2015 bei ihrem Vortrag in Sargans als Zuhörer dabei.
    Der Vortrag von Ihnen hat mir sehr gut gefallen.
    Leider wurden Sie in der an schliessenden Diskussion verbal beschimpft. Schade können Menschen dabei nicht eine gewissen Anstand walten lassen. Machen Sie weiter so und lassen Sie sich von Ihrer Einstellung zum Wolf nicht abbringen. Das Russische Sprichwort lautet ja: wo der Wolf läuft, wachsen die Bäume...!
    Mit den besten Grüssen Jakob Jäger, Quarten

  • #3

    Kurt Schneeberger (Donnerstag, 31 März 2016 19:25)

    @Hanspeter Egli.
    Sehr geehrter Herr Egli
    Sie haben zwar nicht viel geschrieben, aber auch nicht viel gesagt! Was verstehen Sie denn unter "pragmatischen Managementansätzen" und was unter "ideologisch geprägten Forderungen"...?
    Wess Geistes Kind aus Ihren Zeilen spricht, habe ich verstanden.
    Ich wünsche Ihnen, die Zusammenhänge besser zu verstehen und Weisheit zu erlangen.
    Freundliche Grüsse eines Freundes der Natur UND damit auch der Grossraubtiere.